Ein Haus aus dem Jahr 941 nach Christus, das heute noch jemand bewohnt. Kein Museum, kein Denkmal hinter Glasscheiben, sondern ein normales Wohnhaus an der Mosel, in dem ein Historiker lebt, arbeitet und schläft. Das klingt unglaublich, ist aber wahr.
Wer in Deutschland nach dem ältesten Haus sucht, stößt schnell auf ein Problem: Die Antwort hängt davon ab, was genau man meint.
Das älteste bewohnte Privathaus ist nicht dasselbe wie das älteste Steinhaus, und das älteste Fachwerkhaus ist wieder eine ganz andere Geschichte. Alle drei Kategorien haben ihre eigene Antwort, und alle drei sind bemerkenswert.
Welches ist das älteste Haus in Deutschland?
Je nach Kategorie gibt es einen anderen Rekordhalter.
Ein Überblick über die wichtigsten Kandidaten:
| Rang | Gebäude | Ort | Datierung | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Küsterhaus Pfalzel | Trier-Pfalzel, Rheinland-Pfalz | ~350 n. Chr. | Ältestes kontinuierlich bewohntes römisches Steinhaus Deutschlands |
| 2 | Haus Korbisch | Treis-Karden, Rheinland-Pfalz | ~941 n. Chr. | Ältestes bewohntes Privathaus Deutschlands |
| 3 | Graues Haus | Oestrich-Winkel, Hessen | ~850 bis 1075 n. Chr. | Ältestes romanisches Steinhaus Deutschlands |
| 4 | Overstolzenhaus | Köln, Nordrhein-Westfalen | ~1230 | Ältestes und schönstes romanisches Patrizierhaus Deutschlands |
| 5 | Dreikönigenhaus | Trier, Rheinland-Pfalz | ~1200 bis 1231 | Ältestes erhaltenes Patrizierhaus Triers |
| 6 | Webergasse 8 | Esslingen am Neckar, Baden-Württemberg | 1266/67 | Ältestes erhaltenes Fachwerkhaus Deutschlands |
| 7 | Rote Straße 25 | Göttingen, Niedersachsen | 1276 | Bis zum Jahr 1984 als ältestes Fachwerkhaus geltend |
| 8 | Hafenmarkt 4 bis 10 | Esslingen am Neckar, Baden-Württemberg | 1328 bis 1331 | Älteste zusammenhängende Fachwerkhäuserzeile Deutschlands |
Was alle diese Gebäude gemeinsam haben, ist die Methode, mit der ihr Alter bestimmt wurde: Dendrochronologie. Dabei werden die Jahresringe der verbauten Holzbalken analysiert und das Fälljahr des Baums auf ein Jahr genau ermittelt.
Fast alle Datierungen in dieser Liste stützen sich auf genau dieses Verfahren.
Haus Korbisch in Treis-Karden: ältestes bewohntes Privathaus Deutschlands
Wer an der Mosel zwischen Koblenz und Cochem durch Treis-Karden fährt, sieht es kaum. Ein mittelalterliches Steinhaus in einer kleinen Gasse, unscheinbar, beinahe unauffällig. Drinnen lebt heute der Archivar und Historiker Peter Willicks.
Das Gebäude, in dem er wohnt und arbeitet, ist über 1.000 Jahre alt.
Bauhistorische Untersuchungen haben den Vorgängerbau des Hauses Korbisch dendrochronologisch auf um 941 nach Christus datiert, plus minus acht Jahre, also in die Ottonenzeit. Der entscheidende Nachweis kam vom hölzernen Sturz über einem der Fenster.
Um das Jahr 1208 wurde das Gebäude stark umgebaut und aufgestockt, das spätromanische Erscheinungsbild, das man heute sieht, stammt aus dem frühen 13. Jahrhundert. Ungewöhnlich für die damalige Zeit war, dass vollständig aus Stein gebaut wurde, aus Schiefermauerwerk, statt aus Holz oder Fachwerk.
Das Haus diente als Wohn- und Amtssitz des Archidiakons der Erzdiözese Trier. Der Name Korbisch ist eine Verballhornung von Chorbischof.
- Datierung: um 941 nach Christus (dendrochronologisch belegt)
- Umbau und Aufstockung: um 1208
- Bauweise: vollständiges Schiefermauerwerk, kein Fachwerk
- Ursprüngliche Funktion: Wohn- und Amtssitz des Archidiakons der Erzdiözese Trier
- Heute: normales Privatwohnhaus, bewohnt vom Historiker Peter Willicks
- Adresse: St.-Castor-Straße 1, 56253 Treis-Karden
Küsterhaus Pfalzel in Trier: ältestes kontinuierlich bewohntes Haus überhaupt
Wer noch weiter zurückgehen will als in die Ottonenzeit, landet in Trier. Das Küsterhaus in Trier-Pfalzel gilt laut dem Rheinischen Landesmuseum als das älteste kontinuierlich bewohnte römische Steinhaus Deutschlands.
Es gehörte zum Bautrakt eines kaiserlichen Palastes aus dem 4. Jahrhundert nach Christus, eines sogenannten Palatiolums. Eine Tafel vor Ort beschreibt, dass das Gebäude seit fast eineinhalb Jahrtausenden ohne Unterbrechung bewohnt wurde.
Das macht dieses Haus in gewisser Weise zu dem ältesten überhaupt, wenn man kontinuierliche Bewohnung als Maßstab nimmt. Allerdings unterscheidet es sich von Haus Korbisch dadurch, dass es ursprünglich kein Privathaus, sondern Teil eines staatlichen Palastkomplexes war.
- Datierung: um 350 nach Christus
- Ursprüngliche Funktion: Teil eines römischen Kaiserpalasts
- Besonderheit: seit fast eineinhalb Jahrtausenden kontinuierlich bewohnt
- Adresse: Kirchplatz 3, 54293 Trier-Pfalzel
Graues Haus in Oestrich-Winkel: ältestes Steinhaus Deutschlands
Das Graue Haus im Rheingau ist das älteste Steinhaus Deutschlands, zumindest nach aktuellem Forschungsstand, und über sein genaues Alter streiten die Experten bis heute. Paul Eichholz vermutet eine Entstehung um das Jahr 850 nach Christus und sieht darin ein mögliches Wohn- und Sterbehaus des Erzbischofs Rhabanus Maurus.
Andere Forscher datieren das Mauerwerk in die Mitte des 12. Jahrhunderts. Eine Jahresringanalyse des Dachstuhls ergab, dass die verwendeten Eichenstämme zwischen dem Jahr 1035 und dem Jahr 1075 gefällt wurden, was auf einen Baubeginn um das Jahr 1075 hindeutet.
Das Graue Haus war über Jahrhunderte Stammsitz der adeligen Familie Greiffenclau.
Nach einem schweren Brand im Jahr 1964 wurde es wiederaufgebaut. Seit dem Jahr 2021 beherbergt es das Restaurant Wiesbadener Trüffel sowie ein Café und einen Gutsausschank.
- Datierung: je nach Quelle 850 bis 1075 nach Christus
- Ursprüngliche Funktion: Stammsitz der Familie Greiffenclau
- Brand: im Jahr 1964, danach wiederaufgebaut
- Heute: Restaurant Wiesbadener Trüffel, Café und Gutsausschank
- Adresse: Graugasse 8, 65375 Oestrich-Winkel
Webergasse 8 in Esslingen: ältestes Fachwerkhaus Deutschlands
Esslingen am Neckar ist die Hochburg der ältesten Fachwerkhäuser Deutschlands. Das Haus in der Webergasse 8 wurde im Jahr 1266 oder 1267 errichtet, was durch dendrochronologische Analyse der Eichenbalken exakt belegt ist.
Das zweigeschossige Holzgerüst in Stockwerkbauweise ragt am Giebel rund 90 Zentimeter über den Unterbau vor, ein typisches Merkmal mittelalterlicher Fachwerkkonstruktionen dieser Epoche.
Bis zum Jahr 1984 galt das Haus in der Roten Straße 25 in Göttingen aus dem Jahr 1276 als das älteste erhaltene Fachwerkhaus Deutschlands. Dann holten neue Untersuchungen in Esslingen den Rekord zurück. Auch die älteste zusammenhängende Fachwerkhäuserzeile Deutschlands steht in Esslingen: der Hafenmarkt 4 bis 10, erbaut zwischen den Jahren 1328 und 1331.
- Datierung: 1266/67, dendrochronologisch exakt belegt
- Bauweise: Stockwerkbauweise, Giebel ragt 90 cm über den Unterbau vor
- Bis zum Jahr 1984 galt Göttingen als Rekordhalter, dann überholte Esslingen
- Adresse: Webergasse 8, 73728 Esslingen am Neckar
Overstolzenhaus in Köln und Dreikönigenhaus in Trier: älteste Patrizierhäuser
Neben den Rekordhaltern in den Kategorien Steinhaus und Fachwerkhaus gibt es noch zwei Häuser, die in der Geschichte der deutschen Wohnarchitektur eine besondere Rolle spielen.
Das Overstolzenhaus in der Kölner Rheingasse, erbaut zwischen den Jahren 1230 und 1260, ist das einzige erhaltene romanische Patrizierhaus Kölns und das größte und schönste seiner Art in ganz Deutschland. Die Familie Overstolz, reich geworden durch den Tuchhandel, ließ es aus Stein bauen, während ihre Nachbarn noch in Holz- und Fachwerkhäusern lebten. Charakteristisch sind die markanten Stufengiebel und Doppelarkadenfenster. Das Haus hatte zwei Wohngeschosse und vier Speichergeschosse.
Das Dreikönigenhaus in der Trierer Simeonstraße, dendrochronologisch auf um das Jahr 1200 begonnen und bis 1231 fertiggestellt datiert, ist ein frühgotischer Wohnturm und neben dem Kölner Overstolzenhaus das älteste erhaltene Patrizierhaus Deutschlands. Seinen heutigen Namen bekam es um das Jahr 1680, als ein Kaufmann dort ein Gasthaus mit dem Namen Zu den drei Königen betrieb.
Was diese Häuser über Deutschland erzählen
Alle ältesten Häuser Deutschlands stehen im Südwesten des Landes, in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg. Das ist kein Zufall. Diese Regionen lagen im Mittelalter an wichtigen Handelsrouten entlang von Rhein, Mosel und Neckar, hatten wohlhabende Stadtbevölkerungen und eine Steinbautradition, die aus der römischen Vergangenheit herrührte. Holzhäuser verrotten, Steinhäuser bleiben. Und in Städten wie Trier, Esslingen und Köln haben die Menschen früh auf Stein gesetzt.
Was auch auffällt: Aus dem 12. Jahrhundert sind in Deutschland keine Fachwerkhäuser mehr erhalten. Alle erhaltenen Fachwerkhäuser stammen frühestens aus dem 13. Jahrhundert. Was vorher gebaut wurde, ist weg, verbrannt, verrottet oder abgerissen. Was geblieben ist, hat überlebt, weil es aus Stein war oder weil es schlicht Glück hatte.
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